Werkstattbericht: Kerkergeschichten – Ein Spaziergang im Park

Werkstattbericht: Kerkergeschichten – Ein Spaziergang im Park

Werkstattbericht: Kerkergeschichten – Ein Spaziergang im Park

Von Eevie Demirtel

 

Ich habe versucht, diesen Blogartikel so spoilerfrei wie möglich zu halten, deswegen gibt es an dieser Stelle hauptsächlich Hintergrundinformationen zu meiner Geschichte sowie Anekdoten zur Entstehung und den Recherchen.

Ich starte mit einem kurzen Exkurs zu meiner Person und meinem Verhältnis zur Deutschen Sprache. Wenn dich das nicht groß interessiert, kannst du auch einfach den ersten Abschnitt überspringen, danach geht es sofort um die von mir verfasste Kurzgeschichte. Viel Spaß bei der Lektüre!

 

Deutsch schreiben, wenn man kaum Deutsch spricht

Ein Spaziergang im Park, so heißt mein Beitrag für den Kurzgeschichtenband über die ikonischen Helden. Der Titel klingt wahrscheinlich ziemlich merkwürdig für eine Geschichte über die Katzenhexe Rowena. Tatsächlich habe ich mir hier etwas erlaubt, was ich normalerweise als Lektorin bis heute bemängele: Ich habe einen völlig unnötigen Anglizismus eingebaut, und das auch noch absichtlich. Das mag man mir vergeben oder auch nicht, aber ich fand es schön, dass sich auch meine neue Heimat ein wenig in meinem Schaffen widerspiegelt.

Ich lebe nun seit fast zwei Jahren in Großbritannien und bin bemüht, mir meine Sprache so gut es geht zu erhalten. Im Alltag kommt schon gelegentlich furchtbares Denglish oder Germish zusammen, und auch wenn ich Deutsch auf der Arbeit ab und an brauche, habe ich manchmal für meinen Geschmack deutlich zu wenige Berührungspunkte mit meiner Muttersprache. Das macht mir manchmal etwas Angst, und ich ertappe mich immer öfter dabei, wie ich auf Deutsch höchst fragwürdige Sätze formuliere, deren Grammatik weit eher an das Englische erinnert. Erste Wortfindungsstörungen schleichen sich ebenfalls ein, wenn ich länger mal kein Deutsch gesprochen habe. Auch lange Telefonate mit meinen Lieben in der alten Heimat und die regelmäßige Lektüre deutschsprachiger Bücher können solche Befürchtungen leider nicht ganz entkräften.

Das Schreiben hilft mir ein wenig dabei, meine Sprache nicht zu vergessen. Hier habe ich Zeit, in Ruhe an Formulierungen zu feilen und auch mal Wörter zu benutzen, die im sprachlichen Alltag eher Mangelware sind.

Neben der ungebrochenen Lust auf Aventurien und Geschichtenerzählen, gab es also einen weiteren, ganz profanen Grund, für diesen Schreibauftrag zuzusagen: Er hilft mir zumindest ein kleines Stück weit dabei, meine Sprache zu retten.

 

 

Titelsuche: Park oder nicht Park, das ist hier die Frage!

Im Englischen steht „a walk in the park“ für etwas, das mit Leichtigkeit zu bewältigen ist. Und wenn ihr die Geschichte gelesen fragt ihr euch wahrscheinlich: „Und was genau war hier jetzt leicht?“ Leicht ist für Rowena in meiner Geschichte nämlich so ziemlich gar nichts. Es ist an manchen Stellen eher ein bisschen eine „tour de force“, ein Gewaltakt. Der Titel ist also, ebenfalls wie einige Szenen, mit einem Augenzwinkern zu lesen.

Ich hatte während des Schreibens dann aber das Gefühl, den namensgebenden Park doch noch irgendwie einbauen zu müssen, denn ursprünglich war das nicht geplant. Aber mein schlechtes Gewissen hat irgendwann obsiegt, und ich stellte nach einer kurzen Recherche fest, dass es sogar gar nicht so abwegig war. So gibt es im Laufe der Geschichte dann auch einen Park und zumindest einen kurzen Spaziergang darin, der jedoch deutlich weniger harmonisch verläuft als erhofft.

 

 

Eine Geschichte ohne Männer oder Schreibexperimente mit Frauen

Es war keine Absicht, aber wenn man sich meine erzählenden Texte der vergangenen Jahre genauer betrachtet, dann kommen erstaunlich wenige Frauen in tragenden Rollen vor. Das gilt sowohl für Publikationen für Das Schwarze Auge, als auch außerhalb.

Die Khunchomer Pfeffer-Romane haben zwar jede Menge, auch sehr starke weibliche Figuren, echte Hauptrollen sucht man jedoch vergebens. In meinem Beitrag zur Reihe Die Türme von Taladur gibt es selbstredend tragende Frauenrollen. Das liegt aber hauptsächlich an dem Umstand, dass mir Handlung und Personen größtenteils vorgegeben waren. Auch hier ist die von mir ersonnene Hauptfigur männlich, es zählt also eigentlich nicht.

Bei den Kurzgeschichten sieht es statistisch ebenfalls nicht besser aus. Entweder sind gleich alle beteiligten Männer (Sternenleere; Die Himmelsphäre), die meisten Figuren (Sternenleere; Wasser zu Sand) oder die Erzählperspektive ist männlich (Das Echo der Tiefe; Ketten). Allein bei Gutsituierter Akademiker sucht und Noionas Gnade aus Schattenlichter habe ich zur Abwechslung mal eine weibliche Perspektive eingenommen. Beschrieben werden aber auch hier hauptsächlich Männer. Einzig für den Aventurischen Boten habe ich einmal eine Kurzgeschichte verfasst, die aus der Perspektive Kaiserin Rohajas geschrieben war. Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren, aber meiner Statistik nach war es das im Wesentlichen.

 

Gleich vorweg: Wirklich gestört hat mich dieser Umstand nie. Ich mag Männer und schreibe außerordentlich gern über sie und aus ihrer Sicht. Das fällt mir meist sogar leichter, aber genau das ist das Problem! Als Autor sollte man es sich eben nicht immer einfach machen.

Als die Anfrage kam, eine Kurzgeschichte über Rowena zu schreiben, war mir schnell klar, dass ich gar keine andere Wahl hatte, als mich aus meiner schreiberischen Komfortzone zu bewegen. Es war schlicht unabdingbar mit einer weiblichen Hauptprotagonistin zu arbeiten. Rowenas Vertrautentier Alwinja ist ebenfalls weiblich, auch wenn das – zumindest nach meiner langjährigen Erfahrung mit Katzen – keinen großen Unterschied macht. Am Anfang standen also zwei Frauen, und nach den ersten Überlegungen beschloss ich, noch einen Schritt weiter zu gehen. Zur Abwechslung wollte ich eine Geschichte verfassen, in der ausschließlich Frauen in tragenden Rollen vorkommen.

Wie gut das nun genau gelungen ist, dürft ihr gerne selbst beurteilen. Ich finde aber, die Geschichte gewinnt dadurch durchaus.

Kurzer Fakten-Check:

  • Carolan kommt vor, hat aber nicht viel zu melden. Wenn ihr die Geschichte lest, werdet ihr auch sehr schnell merken, warum.
  • Dann haben wir Geron, der die meiste Zeit gut aussieht, nicht besonders helle rüberkommt, dafür aber genau einen nützlichen Hinweis zur Lösung des Problems beiträgt. Das hätte wahrscheinlich aber auch jeder andere machen können. Als Handlungstragend zählt er also auch nicht.
  • Bruder Hilbert kommt so gut wie gar nicht vor und hat noch weniger beizutragen, außer das sein Fehlen eine wichtige Komplikation ist. Er würde eigentlich dringend gebraucht, ist aber ausgerechnet im entscheidenden Moment nicht vor Ort.
  • Alle anderen Männer sind entweder bereits tot oder so austauschbar (Sorry, Josse!), dass niemand von ihnen wirkliche Relevanz besitzt.

Stattdessen gibt es Rowena und ihre Hexenkatze Alwinja, Mirhiban, Layariel und drei weitere weibliche Figuren, die als Antagonistinnen bzw. klassisches Monster vorkommen.

Die Schreiberfahrung war hierdurch eine deutlich Andere als bei vielen meiner bisherigen Texte. Ich habe zuvor zwar für Spielhilfen oft über Frauen und aus weiblicher Perspektive geschrieben, ganz neu war dieser Umstand also auch für mich nicht, aber ich habe meine Arbeit deutlich öfter hinterfragt und überprüft als sonst. Es war neu, es war aufregend und wenn die Geschichte gut ankommt, kann ich mir durchaus vorstellen, Männer vielleicht des Öfteren (zumindest schreibtechnisch) links liegen zu lassen.

 

 

Home sweet home: Rückkehr in die Dämonenbrache

Einen Mini-Spoiler kann ich mir nicht ganz verkneifen. Aber keine Sorge, bereits auf der ersten Seite meiner Geschichte erfährt man bereits, dass sie in der Dämonenbrache südlich der Kaiserstadt Gareth spielt.

Rowena hierher zu schicken war für mich deswegen besonders spannend, weil ich damals für die gigantische Gareth-Box einige Teile der verfluchten Brache beschreiben durfte. Ich hatte wirklich viel Spaß daran, durch meine und Antons alten Texte zu stöbern und die Stationen für ihre Abenteuer auszuwählen. Einen der Handlungsorte hatte ich bereits zuvor in einer meiner Kurzgeschichten als Hauptschauplatz gewählt, und so liest sich Ein Spaziergang im Park an manchen Stellen ein kleines bisschen wie eine sehr lose Fortsetzung. Aber keine Sorge, es sind zur Lektüre keinerlei Vorkenntnisse erforderlich, und man hat auch nicht das Gefühl, dass man etwas verpasst hat. Wenn man aber die Örtlichkeit aus anderen Publikationen bereits kennt, ist es ein nettes Wiedersehen, und genau das war es für mich auch. Es war ein bisschen wie nach Hause zu kommen.

 

 

Zentrale Motive: Und worum geht es jetzt genau?

Da ich die Handlung noch nicht verraten kann und will, beleuchte ich einfach ein paar der Motive in der Geschichte genauer. Sie handelt von Freundschaft und davon, wie weit man bereit ist zu gehen, wenn eine geliebte Person in Gefahr ist. Es geht um Angst in vielen verschiedenen Formen: Angst vor dem Unbekannten, Angst davor, nicht genug Zeit zu haben, Angst vor dem Tod aber auch vor der eigenen Unzulänglichkeit, davor, im entscheidenden Moment einfach nicht gut oder nicht stark genug zu sein. Aber auch Angst vor der eigenen Courage, vorm Verlorensein und davor, dass es trotz aller Bemühungen einfach nicht reicht, spielen eine Rolle. Klingt furchtbar bedrückend? Genau das habe ich mir auch irgendwann gedacht. Und was macht man, wenn die Situation schlimm ist, es zum Weinen aber nicht so recht reicht? Man lacht einfach. Deswegen habe ich eine ordentlich Prise Humor zugegeben, damit die Geschichte nicht ganz so bedrückend ist. Das macht die Lektüre etwas leichter, an einigen Stellen ziemlich absurd, und sorgt hoffentlich für den ein oder anderen Schmunzler.

Außerdem geht es natürlich auch um Mut, die Kunst, auch angesichts größter Schrecken nicht zu verzagen, und letztendlich um die Überwindung aller obengenannten Ängste. Auch die Ikonischen Helden sind keine strahlenden Superhelden, die ohne Schwächen durchs Leben gehen. Das würde sie in meinen Augen deutlich weniger interessant machen.

 

Wenn ihr tapfer bis hierhin durchgehalten habt und euch das Gelesene nicht abschrecken konnte, sondern euch sogar neugierig gemacht hat, solltet ihr unbedingt einen Blick in den Band werfen. Ich hatte sogar Gelegenheit, in zwei weitere Erzählungen aus dem Band reinzulesen, in denen Carolan im Mittelpunkt stand, und wurde beide Male bestens unterhalten.

 

Kerkergeschichten ist seit November 2019 im F-Shop erhältlich.

Zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2021 by Ulisses Spiele GmbH



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