Werkstattbericht – Das Heldenbrevier der Dampfenden Dschungel

Werkstattbericht – Das Heldenbrevier der Dampfenden Dschungel

Wie entstehen eigentlich unsere Das Schwarze Auge-Produkte? Von was lassen sich unsere Autoren inspirieren? Recherchieren sie im Internet oder reisen sie sogar selbst an die abgelegensten Orte dieser Welt? Carolina Möbis erzählt uns in ihrem Werkstattbericht, was sie zum Heldenbrevier der Dampfenden Dschungel inspiriert hat.

Dampfende Dschungel – genau das, was ich mag

Das Heldenbrevier begeisterte mich sofort, weil ich wusste, hier würde ich die Gelegenheit erhalten, viele persönliche Erfahrungen einfließen zu lassen – insbesondere als ich las, dass der Ort Macondo aus Hundert Jahre Einsamkeit als Inspiration für Hôt Alem gelten könne.
Macondo ist eine beispielhafte Siedlung am Magdalena-Fluss, wie es viele in Kolumbien gibt. Und diese Orte atmen noch heute das Flair des berühmten Romans von Gabriel Garcia Marquez. Das weiß ich aus erster Hand, und daher stand schnell fest, dass meine Dampfenden Dschungel ein wenig Kolumbien atmen würden.

Natürlich sollte der Charakter Meridianas, wie er bisher beschrieben wurde, konsistent bleiben, aber ich habe ein paar Gerichte eingeschmuggelt, wie zum Beispiel die in Bananenblätter gehüllten und gedämpften Tamales oder auch so manche Frucht, einige Baumarten und das eine oder andere eigene Erlebnis, vor allem in der Konfrontation mit dem für uns Europäer doch sehr gewöhnungsbedürftigen, tropischen Dschungel.

Tayrona-Nationalpark

Tayrona-Nationalpark

 

Normalerweise recherchiere ich für die Breviere viele Fakten der Region, lese alte Spielhilfen und Abenteuer und grabe sozusagen tief im Boden, auf dem unser Aventurien aufgebaut ist.
Das war natürlich auch hier der Fall, wobei tatsächlich auch irdische Fakten eine große Rolle in der Recherche gespielt haben. Dies hatte vor allem damit zu tun, dass zu manchen Orten, die ich im Heldenbrevier beschrieben habe, kaum offizielle Informationen existierten, wie beispielsweise bei Sant Ascanio oder Neu-Bosparan. Hier war ich frei, meine Schilderungen an irdischen Fakten anzulehnen, um den Beschreibungen Realismus zu verleihen.

Ohne Bäume gibt es bald keine Dschungel mehr

Beispielsweise hatte ich den Anspruch, dem Leser die überbordende Tier- und Pflanzenwelt, die den tropischen Dschungel auszeichnet und die für mich eine Vielzahl beeindruckender Erlebnisse bereithielt, näherzubringen. Aber als ich beispielsweise anfing, tropische Baumarten zu recherchieren, um meine eigenen Beobachtungen vor Ort in Südamerika noch mit Fakten zu untermauern, musste ich feststellen, dass es bis auf eine Seite von Baumschützern kaum eine deutsch- oder englischsprachige Seite im Netz gibt, die wirklich über die Baumarten informiert, an deren Aussterben wir alle beteiligt sind. Wenn, dann findet man höchstens etwas über Tropenhölzer im Hinblick auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit. Selbst unsere sonst so hilfreiche Wikipedia lässt einen an dieser Stelle doch ziemlich im Stich. Nebenbei lernte ich, dass sich in Grillkohle oft Tropenholz verbirgt und das nicht halb so illegal ist, wie es sein sollte. Daher Augen auf beim Grillkohlekauf! Aber das ist eine andere Geschichte.

Es grünt so grün.

Es grünt so grün.

 

Das Beispiel zeigt jedoch, dass wir in einer Zeit leben, in der sich ökologische Fragen geradezu aufdrängen, und man kann nicht über den Dschungel schreiben, ohne sich mit seiner Zerstörung auseinander zu setzen.
Man merkt ebenfalls deutlich, wie unvertraut uns hierzulande die Tropen trotz der allgemeinen Reisefreude noch immer sind. Zum Glück konnte ich ein paar südamerikanische Quellen zurate ziehen, da war die Ausbeute schon deutlich besser.

 

Viele verschiedene Kulturen, aber ein Brevier

Außerdem habe ich für die Beschreibung der Gebäude in Sant Ascanio oder für die Langhäuser der Darna auf Altoum traditionelle afrikanische Baustile recherchiert. Das führte dazu, dass ich einen halben Tag lang fasziniert eine Dissertation über klimagerechte afrikanische Bauweisen las. Da ging es um die traditionelle Architektur in Regenwaldgebieten. Letztlich habe ich dann zwar nur ein traditionelles Haus in Sant Ascanio beschrieben, aber dieses Haus spiegelt Elemente von Stabswerkbauten in Kamerun wider.
Eine große Schwierigkeit stellte die Frage dar, wie wir im Brevier das Zusammenspiel der traditionellen Stammeskulturen Meridianas und anderer Kulturen, wie beispielsweise der horasischen und der al’anfanischen, einbringen, ohne in postkoloniale Klischees zu verfallen. Davor hatte ich die größte Angst.

Die erste Diskussion führten wir schon bei der Wahl der Figuren. Dass ein Stammesangehöriger dabei sein sollte, stand natürlich außer Frage. Aber ob es in Ordnung war, eine Horasierin zum Hauptcharakter zu machen, die natürlich wieder einmal aus Fremdsicht über Waldmenschen und Utulus berichtete? Johannes Kaub und ich wogen das Für und Wider ab und haben uns letztlich dafür entschieden, zum einen, weil diese Figur auch im Abenteuer zur Regionalspielhilfe eine Rolle spielt und daher als Bindeglied zwischen dem Heldenbrevier und dem Abenteuer fungiert.
Außerdem gehen wir jedoch davon aus, dass viele Spieler ihre Figuren und Gruppen mit anderem Hintergrund durchaus auch gerne nach Meridiana schicken würden. Bei solchen Szenarien würden die Spielercharaktere ja auch auf eine andersartige Kultur treffen und sich bei einer gemischten Gruppe aus einheimischen und fremdländischen Figuren im gleichen Spannungsfeld bewegen wie die Protagonisten im Brevier.

 

Das Brevier versucht, alle verschiedenen Denkweisen zu vereinen

Und zum Dritten stellt die Horasierin einen Charakter dar, der mir Gelegenheit gab, eigene Erlebnisse einzubringen. Ich war ebenfalls nicht undankbar, einen Charakter zu haben, der Tagebuch führen und viele situative Eindrücke festhalten konnte, beispielsweise die verschiedenen Düfte Hôt Alems, oder wie achtzig Prozent Luftfeuchtigkeit auf mitgeführte Gegenstände oder einen Organismus wirken, der daran nicht gewöhnt ist. Was es bedeutet, wenn man plötzlich feststellt, wie laut Zikaden sein können.
Hätte das Brevier nur aus Dialogen der Waldmenschen und Utulus bestanden, wären solche Wahrnehmungen auf der Strecke geblieben, da das, was für eine Horasierin das Besondere am Dschungel ausmacht, für die Einheimischen gewöhnlicher Alltag wäre, über den man nicht in der gleichen Weise spricht wie ein Reisender.

Dennoch sollte das Brevier natürlich auch die Denkweisen und Traditionen der Stammeskulturen aus erster Hand schildern. Das erreichten wir über die Figur eines wildniskundigen Napewanha, ohne den die Horasierin vollkommen aufgeschmissen wäre.
Schon während der ersten Recherchen fiel mir auf, dass in den Tayas, die einen wichtigen Teil des mündlichen Kulturguts der Stammesleute ausmachen, großes Potenzial steckte. Diese lehrreichen Geschichten enthalten das tradierte Wissen über die Glaubenswelt der Utulu- und Waldmenschenstämme und über das Leben in einer tropischen Umgebung. Daher wird jedes Kapitel mit einem Taya eingeleitet, das natürlich in einem gewissen inhaltlichen Bezug zur Geschichte steht. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, die vielfältigen Traditionen und Denkweisen der Stammeskulturen und die Art, wie sie weitergegeben werden, auf diese Weise zumindest in Auszügen fassbar zu machen.
Ansonsten gäbe es noch unendlich viele Anekdoten zu erzählen. Beispielsweise beruht das Taya vom Huhn und der Krabbe auf einer wahren Begebenheit, die ich exakt so auf einer Farm an der Karibikküste beobachtet habe.

Fressen und gefressen werden

Fressen und gefressen werden

 

Hinter jeder Ecke lauert Gefahr — Manchmal jaguargroß, manchmal tausendfüßler klein

Zum Glück musste ich mir nie selbst auf die Hand pinkeln, aber einem amerikanischen Touristen ist genau das im Tayrona-Nationalpark passiert – nur, dass er im Gegensatz zu unserer Protagonistin im Brevier den Hundertfüßer freiwillig angefasst hat. „Piss on your hand“ war der Rat, den unser realweltlicher Wildniskundiger ihm gab.
Ich war in dieser Hinsicht eher überparanoid und hatte mir für unsere eigene Dschungelexpedition nicht nur Wanderschuhe, sondern sogar Schlangenbissschützer aus ballistischem Tuch von der Bundeswehr besorgt, die man sich um die Waden schnallen konnte. Echter Alman-Move!

Meine kolumbianischen Freunde brachte das sehr zum Lachen „Carito paramilitar!“, war der Kommentar, den ich mir dafür einfing. Während sie uns Alemannen eindringlich warnten, auf keinen Fall irgendein Tier anzufassen, wie zum Beispiel die hochgiftigen bunten Frösche, liefen die Einheimischen tiefenentspannt in Schläppchen und Sandalen durch den Dschungel. Noch krasser waren besagte amerikanische Touristen, die allen Ernstes nur in Badeshorts unterwegs waren. Die indigenen Einwohner des Nationalparks dagegen trugen weiße, lange Kleidung und Gummistiefel. Auch das Erlebnis mit dem territorialen Warnruf des Jaguars ist nicht erfunden. Da mussten wir ebenfalls einen kurzen Sprint einlegen. Aber ich bin verdammt froh, dass es im Gegensatz zum Brevier in der Realität keine Schlinger gibt!

Lieber nicht anfassen!

Lieber nicht anfassen!

 

Faszinierend sind auch die Trockenwälder in den Tropen, die sich in Kolumbien auf mehreren hundert Metern Höhe über dem Meeresspiegel finden. Diese Umgebung konnte ich ein wenig auf Altoum anreißen.

Aber keine Sorge, dieses Brevier besteht nicht nur aus Reiseerlebnissen. Natürlich gibt es einen übergreifenden Plot, der einige Fragen aufwirft und ein großes Thema der Regionalspielhilfe anreißt, nämlich die Wiederentdeckung einer längst vergessenen Zivilisation.

Im Brevier standen die geheimnisvollen Figuren von San Augustín dafür Pate, da ihre Herkunft in unserer Welt genauso mysteriös ist wie auf den Waldinseln. Als die Spanier die kolumbianischen Anden eroberten, stießen sie auf die Relikte einer alten indigenen Kultur, die jedoch längst verschwunden war und nur eigentümliche Statuen zurückgelassen hatte. Ein bisschen sehen sie aus wie die Köpfe auf den Osterinseln. Diese Figuren stellen auch ein zentrales Element in Tokalas tollen Illustrationen dar.

Diese Skulpturen sind nicht das einzige Element, das durch reale indigene Traditionen inspiriert wurde. Beispielsweise benutzten einige indigene Stämme der Anden sogenannte Poporos, flaschenartige Behältnisse, in denen Kalk aus Muscheln gestampft und mit Asche versetzt wurde. Diese Mischung wurde mit einem schmalen im Deckel befindlichen Spatel in kleinen Portionen aus dem Poporo geholt und auf die Zunge gelegt, während man Kokablätter kaute. Das Kauen der Kokamischung erleichterte das Atmen in der dünnen Höhenluft des Hochgebirges und stellte gleichzeitig eine religiöse Handlung dar.

 

Was für einen Tempel dieser Wächter wohl bewacht hat? Bis heute ein Rätsel

Was für einen Tempel dieser Wächter wohl bewacht hat? Bis heute ein Rätsel

 

Ein Ureinwohner Kolumbiens berichtete mir, dass die Poporos bei den indigenen Ethnien noch heute benutzt werden, aber es sind sehr persönliche Gegenstände, die stark rituelle Funktion haben. Für Außenstehende bleibt die Praxis ein Mysterium. Die Poporos im Brevier dienen den Haipu Altoums in ähnlicher Funktion: nämlich um Kajuboknospen, die das Atmen unter Wasser ermöglichen, zuzubereiten und zu konsumieren.

Und auch der Pfad mit den Wackelsteinen, der zu den Darna führt, findet sich im Tayrona-Nationalpark. Er wurde einst für die Spanier angelegt, mit den gleichen Eigenschaften, die auch im Brevier beschrieben werden.
Neben Altoum haben auch andere Waldinseln viel Raum erhalten. So führt uns die Reise beispielsweise auch nach Sant Ascanio und auf die Fledermausinsel Andikan.

In diesem Sinne hoffe ich, die Lust auf eine Entdeckungsreise in die Dampfenden Dschungel geweckt zu haben.