Nachwuchs-Autoren und ihre Geschichten

Nachwuchs-Autoren und ihre Geschichten

Als Verlag ist es unsere oberste Priorität, gute Geschichten zu schreiben. Dabei geben wir gern das ein oder andere Buch in die kreativen Hände unserer freien Autoren, wie zum Beispiel unsere Heldenwerke. Jan Unkrich schreibt gerade an seinem ersten Heldenwerk und, nebenbei, privat an einem Geschichtenband. Dabei erhält er tatkräftige Unterstützung von seiner 12-jährigen Tochter Anna Seraphina.

 

 

Anna Seraphina ist ein aufgewecktes Mädchen und kommt – zumindest was das schreiberische Talent betrifft – ganz nach ihrem Papa. Erst dieses Jahr gewann sie den Jungautor:innen-Wettbewerb der Sendung mit der Maus vom WDR mit ihrer Geschichte Ein Tag in der Zukunft. Der stolze Papa möchte dieses Talent natürlich unterstützen und so kam es, dass eine erste kleine Kurzgeschichte für Das Schwarze Auge entstand.

 

Da wir dieses Engagement unterstützen wollen, möchten wir euch die Kurzgeschichte nicht vorenthalten. Vielleicht ermutigt sie ja sogar den ein oder anderen Jungautoren sich ebenfalls Pergament und Feder zu schnappen und seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Die erste Geschichte ist ein Prolog aus Aventurische Geschichten verfasst von Jan Unkrich selbst. Bei der zweiten Geschichte handelt es sich um eine eine Art „Ingame-Geschichte“, die von Tochter Anna Seraphina verfasst wurde. Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen!

Hexenspiele

 

 

Der Himmel war stahlgrau. Bedrohliche, dunkle Wolken jagten über Erker und Türmchen des neuen Fürstenpalastes hinweg, glitten unheilvoll über die Dächer von Pfeifenrauch geschwängerten Tavernen, verwanzter Mietskasernen und morscher Hafenspeicher der uralten Hafenstadt Havena. Die steife Katla, der wechselhafteste der sieben Winde, trieb die Wolken vor sich her, verfing sich in der knarrenden Takelage schwer bewaffneter Kriegsschiffe, kleiner Fischerboote und dickbauchiger Handelsschiffe und brachte dabei die zahllosen Fahnen und bunten Flaggen zum Knattern, die Wappen und Symbole aus aller Herren Länder zeigten.

Ein Schwarm aufgebrachter Möwen umflatterte kreischend einen großen Waldkauz, der sich aus dem nahen Marschenland weit in das Häusermeer hineingewagt hatte. Denn wie an jedem Markttag stritten Vögel auf dem hübschen kleinen Platz im reichen Stadtteil Oberfluren um essbare Abfälle, die hier und da zwischen den Ständen zu Boden fielen.

»Troll Dich, du Gossenbalg, hier gibt es nichts für dich zu holen!«, fluchte ein wohlbeleibter Krämer und trat halbherzig nach dem schmutzigen Kind, das geschickt auswich und dann mit bangem Blick zu einem mondänen Herrenhaus hinaufsah. Große Scheiben aus Havener Glas verrieten den Reichtum des Besitzers. Das Untergeschoss war aus rotem Sandstein gemauert und beherbergte Stallungen und Remise. Darüber folgten, goldgelb verputzt, Beletage und das Dachgeschoss mit Mansarde. Ein mit vier Perlen besetzter Reif krönte ein steinernes Wappen am First der Fassade, das zwei gekreuzte Havener Messer unter den drei Kronen Albernias zeigte, und legte beredtes Zeugnis davon ab, dass es sich bei dem Gebäude nicht um eine Händlervilla handelte, sondern um ein Stadthaus des alteingesessenen albernischen Adels.

Es muss einfach klappen, dachte das Mädchen. Ihr Magen schmerzte vor Hunger. Aber sie wollte es nicht schon wieder tun müssen.

 

 

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Nicht schon wieder!

Das letzte Mal hatten die Coregh-Zwillinge und ein paar andere Kinder von den Nalleshofer Hafenmardern sie dabei beobachtet – und ihr das frisch erbeutete Essen gleich wieder abgenommen. »Schutzgeld« hatten sie dazu gesagt. Anschließend waren sie zu fünft über das schmutzige Mädchen hergefallen und hatten sie nach Strich und Faden verprügelt.

Doch leider hatte es damit noch nicht aufgehört.

Die Arme schmerzhaft auf den Rücken gedreht, hatte man sie festgehalten, während Fionn Coregh ihren Kopf von hinten an den Haaren gepackt hielt.

Nun war seine Zwillingschwester an der Reihe gewesen. Wie ihr Bruder war auch die strohblonde Flieder-Aidana groß und kräftig. Thorwalsches Blut, sagten die Leute. Obwohl sie kaum älter war als das schmutzige Kind, war sie immer üppig mit Rouge und Lippenstift geschminkt. Ihr ganzer Stolz war jedoch ein fliederfarbenes Halstuch aus feiner Maraskaner Seide gewesen, das sie immer getragen hatte, sodass es irgendwann Bestandteil ihres Namens geworden war.

Doch Flieder-Aidana hatte sich Zeit gelassen und sich erst einmal in aller Ruhe das namensgebende Halstuch um die linke Schlaghand gewickelt. Wie eine Preisboxerin auf dem Jahrmarkt, die ihre Knöchel mit weichen Lederriemen umwickelt, um ernsthaftere Verletzungen zu vermeiden – bei sich selbst, aber auch bei ihrer Gegnerin. Denn dort wie auf der Straße konnten Widersacher von heute leicht Verbündete von morgen sein. Trotz aller Feindschaft ging es hier schließlich nicht um Leben und Tod.

»Auf welche Seite möchtest du dein Veilchen? Links oder rechts?«, hatte das Coregh-Mädchen mit geheuchelter Freundlichkeit gefragt.

»Mach rechts«, feixte ihr Bruder. »Du bist doch Linkshänderin. Und du willst sie doch bestimmt für die Unverschämtheit büßen lassen, dass ihr feine Klamotten stehen …« Er lachte dreckig. »Oder soll ich?«

»Nein«, hatte Flieder-Aidana säuerlich geantwortet. »Ich mach das und sie muss entscheiden.«

»Irgendwann erwische ich dich allein, Aidana …«, hatte das schmutzige Mädchen trotzig gesagt. »Dann kriegst du dein Wangenrot mal von mir aufgelegt!«

»Erst werde ich dich zeichnen«, hatte der bärige Blondschopf mit bösem Grinsen geantwortet: »Du brauchst noch ein Andenken an deine Lektion. Außerdem bist du mit einem blauen Auge erst einmal für ein Weilchen nicht mehr so verdammt hübsch und kannst nicht mehr so gut Eindruck schinden bei weichherzigen Fischerrinnen. Weiß der Klabauter wie du die alte Saoirse dazu gebracht hast, dir nicht nur ihr halbes Essen abzugeben, sondern sogar noch eine Zuckerstange dazu zu kaufen … Also, sag schon, links oder rechts?«

»Steck doch deinen Kopf in ein Heringsfass, Aidana!«

Da hatte Flieder-Aidana weit ausgeholt und ihrer hilflosen Gegnerin die umwickelte Faust mit voller Kraft aufs Auge gedroschen, dass sie Phexens gesamten Sternenhimmel hatte tanzen sehen.

»So, erledigt…«, hatte die junge Schlägerin festgestellt und zufrieden das Ergebnis begutachtet, bevor sie sich das fliederfarbene Halstuch wieder von der Hand gewickelt hatte.

»Woah, es schwillt schon zu«, hatte ein rotwangiges Mädchen namens Aeryn gerufen. »Wir sollten dich wohl eher Hammerfaust nennen, Aidana.«

Und so, als das gewünschte Ergebnis nach allgemeinem Dafürhalten erreicht worden war, hatte man das schmutzige Mädchen wieder laufen lassen.

Auch für die meisten anderen Kinder des Viertels war diese Abreibung völlig in Ordnung gewesen.

Natürlich …

Denn sie gehörte eben nicht dazu, und der Seehafen war nun einmal das Revier von Lynns Bande.

Aber hatten die Marder Verdacht geschöpft? Hatten sie ihrer Anführerin …, hatten sie Lynn noch davon erzählt? Das schmutzige Mädchen wusste es nicht zu sagen. Was sie jedoch sehr genau wusste, war, dass sie sich niemals dabei erwischen lassen durfte.

Dieses Mal muss es einfach klappen

Niemals!

Das Bild einer toten Frau drängte sich in ihr Bewusstsein. Die Schlinge eines Hanfseiles war fest um den schwanengleichen Hals gezogen. Die schöne tote Frau hing daran. Einer ihrer modischen Schuhe war vom Fuß gerutscht; eine Trippe war darunter geschnallt. Diese hölzerne Stelze, mit der feine Leute sich den Schmutz der Straße von ihrem Schuhwerk fernhalten konnten, war in der Mitte zerbrochen, genau wie das Gesicht der schönen Frau. Der Hieb eines Schürhakens hatte ihr Kinn und Wange zertrümmert. Die Ohrringe waren herausgerissen. Ein Mob grölte und johlte. Die schöne Frau baumelte sacht im Seewind.

Schnell wischte das Mädchen sich die aufsteigenden Tränen aus den Augen und kämpfte die grauenvolle Erinnerung zurück. Diesmal würde alles gutgehen. Die Frau mit der Kapuze würde zufrieden sein!

Vor der Schänke Oase der 1000 Freuden standen einige schwere Fässer, die ein Kutscher dort abgeladen hatte. Offenbar hatte er nicht gewusst, dass der Wirt Raidri ibn Yussuf sein extravagantes tulamidisches Teehaus an Markttagen erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit öffnen würde. Aber da wäre das schmutzige Mädchen mit seiner Beute schon längst wieder fort …

Sie hockte sich hinter die Fässer, wobei sie sorgsam darauf achtete, dass man sie vom Entenmarkt aus nicht sah. Ein großes Stück Treibholz, das sie die ganze Zeit über eng an sich gedrückt gehalten hatte, stellte sie behutsam hinter sich ab. Ebenso den mit Kohlestaub bedeckten Stoffbeutel, der ihr gesamtes Hab und Gut enthielt: die Decke, den Holznapf, das kleine Fischmesser und … das Brecheisen, das das schmutzige Mädchen erst tags zuvor von den Coregh-Zwillingen erbeutet hatte. Damit war klar: Wenn die Marder sie nochmal erwischten, dann würden sie sie mitnehmen. Mitnehmen zu Lynn!

Auf der Straße gab es viele Geschichten darüber, was die Hafenmarder mit ihren Gefangenen anstellten, bevor sie sie wieder gehen ließen. Diese Geschichten waren alle wahr.

Das schmutzige Mädchen seufzte.

Sie kannte Lynn.

Dann schloss sie die Augen und begann sich zu konzentrieren. Vilai musste inzwischen soweit sein. Vor Phenjas innerem Auge tauchte eine stuckverzierte Wohnstube auf.

Phenja und der Böse Verwalter — Ingame Geschichte

 

Hexe Phenja mit ihrem Vertrautentier Vilai. Illustration von Mia Steingräber. (Facebook: @mia.steingraeber.illustration)

 

Phenja und der böse Verwalter

Einmal war die kleine Hexe Phenja allein in Havena unterwegs. Nun ja, eigentlich ist das nicht richtig. Nicht ganz allein natürlich, sondern zusammen mit ihrer Vertrautenkatze Vilai, und ihr wisst ja, das Vertrautentier einer Hexe ist mehr als ein normales Haustier. Es ist viel, viel klüger – und Phenjas Katze konnte sogar ein kleines bisschen zaubern.

Aber ich schweife ab. Also noch einmal von vorne:

Einmal war die kleine Hexe Phenja mit ihrer Freundin, der Katze Vilai, in Havena unterwegs; genauer gesagt in Feldmark, einem Stadtteil, in dem es noch richtige Bauernhöfe und weitläufige Obstgärten gab, obwohl er ganz und gar innerhalb der Stadtmauern lag.

Dort sahen die beiden ein armes Straßenkind, das in der Gosse saß und weinte.

Das Mädchen musste ungefähr so alt wie Phenja sein, die zu dieser Zeit elf Sommer zählte. Ein wenig erinnerte das Kind die kleine Hexe an ein Eichhörnchen, denn es hatte rote Haare und ganz viele Sommersprossen im Gesicht und auf den Armen. Sogar auf ihren Beinen, die unter einem schmutzigen, aus verschiedenen Stoffresten zusammengenähten Kleidchen hervorschauten zeigten sich viele kleine Pünktchen.

»Warum weinst du?«, fragte die kleine Hexe Phenja.

»Ach«, antwortete das Straßenkind, »ein böser Mann hat mir etwas zu essen versprochen, wenn ich für ihn arbeite. Aber statt Lohn gab’s nur eine Tracht Prügel.«

Da wurde die kleine Hexe Phenja sehr böse: »Was? Da muss man etwas unternehmen!«, schimpfte sie. »Erzähl mir, was passiert ist.«

Das Straßenkind hieß Gwynna Seehoff, doch jeder nannte sie einfach Gwen. Nachdem Gwen sich die Tränen am kurzen Ärmel ihres Kleidchens abgewischt hatte – denn ein Taschentuch besaß sie nicht –, führte sie die kleine Hexe zu einem Garten voller Obstbäumen. Äpfel und Birnen wuchsen dort, und der ganze Garten war von einer Mauer umgeben, die so hoch war, dass Phenja gerade eben noch darüber schauen konnte.

 

Der Obstgarten

Unter den Bäumen lag ein großer schwarzer Hund und schlief.

Der Garten schloss sich an ein stattliches Haus an, in dem ein Ritter wohnte – kein Ritter in schimmernder Rüstung mit Lanze und Pferd, sondern ein kleines, dickliches Männlein, das schon lange nicht mehr gut reiten konnte, weil es von Rheuma geplagt wurde, einer Krankheit, die es einem schwermacht, sich noch gut zu bewegen. Weil der kleine, dicke Ritter also krank war, war er meistens weit fort zur Behandlung. Gerade war er im wunderschönen Belhanka, einer großen Stadt im Süden, wo das Wetter wärmer und überhaupt ganz und gar besser war und wo es nicht so viel kalten Nebel gab wie in Havena. Auf sein Gut passte indessen ein Verwalter auf. Der war böse und geizig und saß den ganzen Tag über in dem besten Stuhl des Ritters auf der Veranda des großen Hauses und ließ es sich gutgehen.

Weil er faul war, wollte er die Arbeiten nicht erledigen, für die der Ritter ihn bezahlte. Und weil er geizig war, beschäftigte er auch keine Mägde oder Knechte, um den Hof zu pflegen und die Früchte zu ernten. Weil die aber nun reif waren und der Verwalter sie auf dem Markt verkaufen wollte, war er auf die Idee gekommen, ein paar Straßenkinder anzuheuern, die die Arbeit für ihn billig erledigen sollten.

Das hatte erst nicht gut geklappt, denn die Straßenkinder der Gegend hielten sich immer fern vom Obstgarten des kleinen, dicken Ritters, denn sie wussten, wie böse sein Verwalter war. Er hatte eine lange Peitsche und einen garstigen Hund, den selbst die Erwachsenen fürchteten, weil er so schwarz und unheimlich war. Der Hund hieß Hetzer und natürlich hatten auch alle Kinder schreckliche Angst vor ihm.

Doch Havena war eine große Stadt, und Gwen kam aus einer ganz anderen Gegend. Ihr Vater war im Krieg gegen die Nordmärker gestorben und ihre Mutter, bei der sie seither lebte, wohnte im Orkendorf, einem Stadtteil auf der anderen Seite des großen Flusses. Also wusste Gwen nicht, wie böse der Verwalter war, als sie einmal aus Neugierde Feldmark ausgekundschaftet hatte. Sie glaubte ihm, als er versprach, ihr einen Korb Äpfel zu geben. Dafür sollte sie alle heruntergefallenen Früchte aufsammelte und auch in die Bäume klettern, um die zu pflücken, die noch in den Ästen hingen.

 

Doch die Sterne stehen schlecht

Zwei volle Tage hatte Gwen so schon gearbeitet, von früh bis spät. Als sie am Mittag des dritten Tages ihren Lohn einforderte, hatte der böse Verwalter nur gelacht und sie fortgeschickt. Als Gwen sich weigerte, zu gehen, hatte er sie mit dem Peitschenstiel geschlagen und gedroht, den Hetzer auf sie loszulassen, und damit meinte er seinen großen, schwarzen Hund.

Die kleine Hexe Phenja schaute über die Mauer und sah sich alles ganz genau an. Da saß der Verwalter auf dem bequemsten Stuhl seines Herrn, des kleinen, dicken Ritters. Er las die neueste Ausgabe einer Zeitung, der Havena-Fanfare. Aber weil er nicht mehr der Jüngste war, thronte eine dicke Brille auf seiner krummen Nase. Ohne die konnte der böse Verwalter nämlich nicht mehr gut sehen. Deshalb, und weil sie so teuer war, waren diese Augengläser sein ganzer Stolz. In Havena hatten sonst nur hochgelehrte oder sehr reiche Leute ein solches Gerät.

Ihr fragt euch sicher, wie der Verwalter dann diese Augengläser erhalten hatte. Weder war er sehr reich noch schien er sonderlich gelehrt. Nun, was meint ihr wohl hat er mit all dem vielen Geld gemacht, dass er von seinem Herrn immer bekam, um das Rittergut in Ordnung zu halten? Knechte und Mägde musste er jedenfalls nicht damit bezahlen, wie ihr ja schon wisst …

Die Äpfel und Birnen, die Gwen eingesammelt hatte, standen in großen Körben neben ihm. Bald würde er sie für gutes Silber auf dem Markt verkaufen.

Die kleine Hexe Phenja schaute genauer hin: Im unteren und mittleren Bereich waren die Bäume von Gwen zwar säuberlich abgeerntet worden, aber ganz oben, in den dünnen Zweigen der Krone, waren noch einige wenige Früchte übrig geblieben. Dort hatte das Straßenkind nicht hinaufklettern können und der faule Verwalter hatte keine Lust gehabt, eine Leiter zu besorgen.

»Ich sehe da oben noch Äpfel und Birnen«, sagte die kleine Hexe Phenja. »Wie wäre es, wenn ich dir die besorge?«

»Aber sie hängen zu hoch«, sagte das Straßenkind Gwen. »Dort oben sind die Äste so dünn, dass man nicht mehr auf ihnen klettern kann. Außerdem bewacht der böse Hund des Verwalters nun den Garten. Wenn der dich erwischt, wird er dich schlimm beißen.«

Nun war es aber so, dass die kleine Hexe Phenja ihr Brett dabeihatte.

»Aber warum hatte sie denn ein Brett dabei?«, höre ich euch fragen.

Nun, ihr wisst sicherlich, dass Hexen auf Besen fliegen können. Das ist ja allgemein bekannt. Nun war es in Havena aber so, dass das Fliegen Hexen ganz und gar verboten war und schwer bestraft wurde, wenn sie dabei erwischt wurden. Ja, die Menschen waren dort so abergläubisch, dass es sogar schon verboten war, überhaupt nur eine Hexe zu sein. Deshalb wussten auch nur ganz wenige Leute, dass Phenja nicht irgendein Kind, sondern eben in Wirklichkeit eine kleine Hexe war.

Und das war gut so und musste unbedingt so bleiben. Das hatten ihr die Hexe Dalida, bei der Phenja in die Lehre gegangen war, immer wieder eingeschärft.

 

 

Wenn du Verstand hast, dann nutze ihn auch

Und deswegen führte die schlaue kleine Hexe statt eines Besens ein völlig unverdächtiges Holzbrett mit sich. Es sah aus wie ein einfaches Stück Strandgut. Die Leute sammelten oft Dinge ein, die das Meer anschwemmte, denn Havena war eine Hafenstadt, und die Menschen dachten, dass es Glück brächte, wenn sie Dinge mit nach Hause nahmen, die der Herr Efferd, der große Gott des Meeres, an die Ufer schwemmte. Manchmal opferten die Menschen das Strandgut auch im alten Efferdtempel. Dort lebte nämlich eine riesige Drachenschildkröte namens Lata, die diese Dinge sehr mochte. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich Euch vielleicht ein andermal erzählen werde …

Wo war ich gleich? Ah, ja …

Natürlich hätte Phenja auf ihrem Brett einfach in die Kronen der Bäume fliegen können, um die Früchte zu ernten. Aber dann hätte der Verwalter sie vielleicht gesehen und allen Leuten erzählt, dass Phenja eine Hexe war.

Bis zum Abend zu warten, war auch keine Möglichkeit, denn Phenja musste zu Hause sein, bevor es dunkel wurde.

Was also tun?

Phenja setzte sich vor der Mauer auf die Erde und überlegte, während Vilai, ihre Katze, sich an Gwen anschmuste, um das arme Straßenkind zu trösten.

Dann hatte Phenja eine Idee. »Du musst mir helfen«, sagte sie zu Gwen.

Das Mädchen sah sie fragend an.

»Komm mit«, sprach die kleine Hexe und zog das erstaunte Straßenkind mit sich.

Der Stadtteil, in dem das Gut des kleinen, dicken Ritters lag, hieß Feldmark. Das habe ich euch ja vorhin schon erzählt. Von Feldmark aus führte die Prinzessin-Emer-Brücke über den großen Fluss hinweg direkt in den Stadtteil Unterfluren. Dort konnte man bei dem Metzgermeister Gwenlian die besten Würstchen der Stadt kaufen.

Die Dienerin ihrer Mama ging dort immer hin, und Phenja hatte sie dabei schon begleitet.

Als die Mädchen und Vilai vor dem Laden standen, machte Gwen große Augen. Da lagen die größten Leckereinen in der Auslage, die sie sich nur vorstellen konnte.

Aber leider waren diese Köstlichkeiten sehr, sehr teuer.

Gwens Mutter war arm. So bekam Gwen kaum einmal etwas anderes zu essen als Kohl, Haferbrei oder Fischrestesuppe.

Phenjas Mama hingegen war eine Frau mit sehr viel Geld. Sie war ‚von Stand‘, wie die Leute sagten, was bedeutet, dass sie einen langen, lustigen Namen hatte und jedermann sie mit ‚Euer Wohlgeboren‘ anreden musste. Phenjas Mama hieß Junkerin Efferdaine von Fürstenstieg und war eigentlich gar nicht Phenjas richtige Mama, denn die kleine Hexe war ein Findelkind. Das ist ein Kind, von dem niemand weiß, wer die Eltern sind.

Das war jetzt alles etwas kompliziert …, entschuldigt bitte.

Also, diese Junkerin von Fürstenstieg war früher einmal sehr einsam gewesen und deshalb ist sie dann einfach Phenjas neue Mama geworden.

 

Aber das war nicht immer so

»Also«, sagte Phenja zu Gwen, »ich bin in einem Waisenhaus aufgewachsen. Aber heute habe ich Geld dabei und kaufe jetzt einige Würste von jeder Sorte. Und du, du musst sie alle testen, denn wir müssen herausfinden, welche am besten schmeckt. Das ist sehr wichtig, denn von denen geben wir dann dem Hetzer. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn der geizige Verwalter ihm nicht genug zu fressen gibt.«

Gwen sagte nichts, aber Phenja hörte ihren Magen knurren.

Da kaufte die kleine Hexe schnell eine Menge Würstchen und gab sie Gwen eines nach dem anderen zum Probieren, denn die kleine Hexe wusste nur zu gut, wie weh Hunger tut.

Das Straßenmädchen konnte sein Glück kaum fassen und aß sich erst einmal so richtig satt. Als sie dann beim besten Willen nichts mehr herunterbekam, zeigte sie schließlich auf ein paar Tralloper Krachwürste und sagte mit aufgesetzter Kennermine: »Diese da sind die besten«.

Also kaufte Phenja noch ein halbes Dutzend von genau dieser Sorte, und dann machten sich die Mädchen und Vilai wieder auf den Weg zurück zum Gut des kleinen, dicken Ritters.

Der faule Verwalter war inzwischen eingeschlafen. Man konnte sein Schnarchen bis auf die Straße hören.

Phenja und Gwen stiegen vorsichtig auf die Mauer, während Vilai ängstlich ein wenig mehr Abstand hielt. Schließlich war sie eine Katze. Sofort kam der Hund angelaufen, bellte aber nicht. Stattdessen hielt er die Nase in die Luft und schnupperte.

»Ich glaube, der Hund, der Hetzer, der ist gar nicht so böse, wie alle sagen«, meinte Phenja. »Glaubst du wirklich?«, fragte Gwen zögernd.

»Ganz sicher«, antwortete die kleine Hexe. »Wie wäre es, wenn du versuchen würdest, dich mit ihm anzufreunden?« Dabei zog sie eine Tralloper Krachwurst aus ihrem Beutel und gab sie ihrer neuen Freundin.

Da stellte sich der große Hund mit den Vorderbeinen an die Mauer, dass er die Kinder fast erreichte, und reckte seinen Kopf so weit nach oben, wie er nur konnte.

Gwen schaute sehr ängstlich drein und sagte mit zitternder Stimme: »Weißt du, Phenja, eigentlich brauche ich die Äpfel doch gar nicht mehr. Lass uns einfach die Würste selbst essen und verschwinden, was meinst du?«

 

 

Strafe muss sein

Die kleine Hexe stemmte die Fäuste in die Hüfte. »Der böse Verwalter hat dich betrogen und geschlagen. Der soll mir damit nicht davonkommen.«

Inzwischen hatte der Hund leise zu winseln begonnen, und als sie ihn nun so von nahe sah, bemerkte Phenja, wie abgemagert das zottelige Tier tatsächlich war. Schnell warf sie ihm eine Wurst zu, die der große Hund sofort gierig verschlang.

Gleich darauf begann der gefürchtete Hetzer mit dem Schwanz zu wedeln.

Die nächste Wurst gab ihm Gwen und streichelte ihm vorsichtig über den Kopf. Der große Hund Hetzer leckte ihr zum Dank die Finger ab.

Freudig klatschte Gwen in die Hände: »Ich hab’ schon eine Idee. Mach du weiter!«, rief sie, schwang sich über die Mauer und rannte los. Schon war der kleine Feuerkopf zwischen den Bäumen verschwunden. Wohin, das wusste Phenja nicht. Aber der große Hund lief ihr schwanzwedelnd hinterdrein.

»Hetzer! Hetzer, hierher!«, rief Phenja ihm halblaut nach, doch vergebens. Und da die kleine Hexe auf keinen Fall den bösen Verwalter aufwecken wollte, beschloss sie, lieber still zu sein. Noch ein paar bange Augenblicke lang warteten Phenja und Vilai auf Gwen. Dann folgten sie ihrer neuen Freundin und kletterte ebenfalls über die Mauer des Ritterguts.

»Hetzer …, Hetzer …«, rief Phenja leise und wedelte mit der letzten Krachwurst. Auch nach Gwen rief sie leise.

Vilai war sicherheitshalber auf die Schulter ihrer jungen Herrin geklettert, während die leise weiterrief, doch Hund und Mädchen blieben verschwunden.

 

Möge Phex mit ihr sein

»Es hilft nichts«, sagte Phenja zu Vilai. »Lass uns vorsichtig zum Herrenhaus gehen. Vielleicht finden wir die beiden ja dort.«

Doch als Phenja ihre rothaarige Freundin dann tatsächlich dort entdeckte, blieb ihr vor lauter Schreck die Spucke weg: Das Straßenmädchen hatte sich hinter den Verwalter geschlichen, der noch immer schlief. Die kostbare Sehhilfe war ihm dabei von der Nase gerutscht und lag in seinem Schoß auf der zusammengelegten Havena-Fanfare, seiner Zeitung.

Phenja hielt vor Anspannung die Luft an, als sie begriff, was Gwen vorhatte. Vorsichtig, ganz vorsichtig, tastete sie nämlich gerade von hinten nach den Augengläsern des bösen Verwalters.

Die kleine Hexe konnte fast nicht hinsehen, als das Mädchen das zerbrechliche Gerät aus Draht und Linsen vorsichtig ergriff, anhob und schließlich ganz in der Hand hielt.

Bei Phex, alles geht gut, dachte Phenja, doch genau in diesem Augenblick rutsche die Zeitung zu Boden und der böse Mann schlug die Augen auf.

Gwen reagierte in Gedankenschnelle und duckte sich hinter die Lehne des Stuhles, sodass dieser sie ganz verdeckte. Nun konnte Phenja Gwen zwar nicht mehr sehen, wusste aber, dass der Verwalter sie sofort entdecken würde, wenn er aufstand und sich nach dem Haus umdrehte.

Sei es drum!, dachte Phenja und schwang sich auf ihr Brett. So schnell sie konnte, flog sie mit Vilai zum höchsten Apfelbaum empor, pflückte dort einen Apfel aus der Krone und schwenkte ihn wie eine Trophäe hin und her. Dabei machte sie ein gehöriges Spektakel, um den Verwalter auf sich aufmerksam zu machen.

»He!«, brüllte der Verwalter. »Was hast du Bengel auf meinem Baum verloren?!«

Da wusste Phenja, dass der Verwalter sie nicht richtig sehen konnte. Schließlich hatte er ja auch seine Augengläser nicht mehr.

»Verschwinde!«, rief Phenja. Der Verwalter dachte, er sei gemeint, doch in Wirklichkeit sprach Phenja mit Gwen.

»Dir werd’ ich helfen!«, brüllte der böse Mann und griff nach seiner Peitsche. Diesen kurzen Augenblick nutzte Gwen und machte sich schnell aus dem Staub.

Der Verwalter hingegen hielt kurz inne und sah sich suchend um. Phenja befürchtete erst, dass er etwas gehört hatte und nun nach Gwen suchte, doch dann wurde ihr klar: Der böse Mann suchte nach seinen Augengläsern.

Phenja wollte Gwen noch mehr Zeit geben und rief darum: »Fang mich doch!«

Und da kam der böse Verwalter doch noch angelaufen. Schon stand er unter dem Apfelbaum, schimpfte, zeterte und brüllte.

Aber die kleine Hexe Phenja ließ sich davon nicht Bange machen. Sie stand auf ihrem Brett, ganz oben an der Krone und hielt den gepflückten Apfel hoch.

Weil er aber seine Sehhilfe nicht mehr hatte, konnte der Mann kaum sehen, was in dem Baum wirklich vor sich ging. Er sah wohl ein Kind in dessen Krone und erahnte auch den Apfel, den es ihm zeigte, verstand aber nicht, dass die kleine Hexe gar nicht geklettert war, sondern zusammen mit ihrer Katze auf einem hölzernen Brett einfach in der leeren Luft schwebte.

Da er ja keine Leiter hatte, griff der Verwalter wutentbrannt nach seiner langen Peitsche, die er sich beim Laufen unter den Arm geklemmt hatte.

»Jetzt mach dich auf was gefasst!«, brüllte er. »Ich erwische dich schon!«

Aber Phenja blieb ganz ruhig und wartete, bis der garstige Mann nach ihr schlug. Der Hieb hätte das Mädchen sicherlich getroffen – wenn sie tatsächlich im Baum gesessen hätte. Doch da sie fliegen konnte, wich sie im letzten Augenblick zur Seite aus, während das Ende der Peitsche sich um einen dicken Ast wickelte. Im Nu war Phenja wieder heran und verknotete das Peitschenende. Der böse Mann konnte noch so lange ziehen und zerren, doch es half nichts, die Peitschenschnur blieb fest verschnürt.

Da rief der Verwalter nach seinem Hund. Der hätte zwar kein Kind hoch oben im Geäst erreichen können, doch der Mann meinte wohl, er solle aufpassen, dass es nicht mit seinen Äpfeln aus dem Baum entkam und es so gleichsam gefangen setzen.

 

 

Doch Hetzer kam nicht

Der große Hund hatte die Chance genutzt und sich Gwen angeschlossen, als die durch die Verandatür in das Rittergut hinein und dann zur Vordertür wieder auf die Straße hinausgelaufen war.

Als Phenja sich sicher war, dass ihre neue Freundin entkommen war, wollte sie sich gerade auf ihrem fliegenden Brett davonmachen, da hörte sie Gwens Stimme von der Mauer her.

Es war nämlich so, dass ihre neue Freundin ja gar nicht wusste, dass Phenja eine Hexe war und auf ihrem fliegenden Brett einfach davonfliegen konnte. Sie hatte auch nicht gesehen, wie die kleine Hexe zu dem Apfelbaum hinaufgeflogen war, denn da hatte sie sich ja hinter der hohen Stuhllehne vor dem Verwalter versteckt. Deshalb war sie wiedergekommen, um nun ihrerseits Phenja zu retten, weil sie ja glauben musste, dass Phenja oben auf dem höchsten Apfelbaum in der Falle saß. Zum Glück hatte das Straßenkind von der Mauer aus keinen guten Blick auf Phenja und so sicher nicht gesehen, dass die kleine Hexe noch immer auf ihrem Holzbrett schwebte.

»He! Böser Mann!«, rief Gwen laut.

Der Verwalter sah sich um. Dabei kniff er die Augen ein wenig zusammen, um besser sehen zu können. Dann bemerkte er das Mädchen auf der Mauer.

Voll Überraschung stellte er fest: Da war ja noch ein Kind! Doch was es da in die Höhe hielt, konnte er beim besten Willen nicht erkennen.

»He, böser Mann, ich habe hier deine Augengläser«, rief Gwen.

Da bekam der Verwalter einen furchtbaren Schrecken und erkannte, dass er überlistet worden war.

»Gib sie mir sofort wieder, du Balg, oder ich werde die Stadtgarde holen!«, schrie er und wurde so rot im Gesicht wie die allerreifsten Äpfel in dem Korb, den er Gwen nicht hatte geben wollen, obwohl sie doch für ihn gearbeitet hatte.

»Ich geb’ sie dir, wenn du meine Freundin gehen lässt«, sagte das Kind.

»Und wenn du uns noch einen ganzen Korb mit Äpfeln gibst!«, sagte das andere Kind, das inzwischen mit einer Katze auf einem dicken Ast in halber Höhe des Apfelbaumes saß und lustig die Beine baumeln ließ.

Jetzt stand der Verwalter aber wirklich dumm da: Sein Hund war weggelaufen und seine Peitsche ganz und gar im Geäst des Apfelbaumes verknotet. Weil er keine Leiter besorgt hatte, war das Kind auf dem Apfelbaum für ihn unerreichbar. Und das Allerschlimmste: Seine kostbare Brille war ihm offenbar direkt von der Nase geklaut worden.

Der Mann fluchte, und weil das, was er da sagte, wirklich schlimm war, werde ich es hier auch nicht wiederholen.

»Euch werd’ ich helfen, ihr kleinen Diebe!«, brüllte der Verwalter als er mit all dem Fluchen endlich fertig war. Voller Wut packte er den Stiel seiner Peitsche ganz fest und zog so hart daran, dass von oben plötzlich ein Knacken zu hören war. Der Ast, an den Phenja die Peitschenschnur geknotet hatte, brach ab und fiel fast geräuschlos auf den bösen Mann herab.

Als das Holzstück allerdings seinen Schädel traf, gab es ein unerwartetes Geräusch: Es machte Klonk, wie Holz, das auf Holz trifft.

Der Mann fiel um und sagte erst einmal gar nichts mehr. Eine riesige Beule begann aus seinem Kopf zu wachsen, wie ein Spargel aus einem Acker.

Da konnte Phenja nun vom Baum herabsteigen und Gwen konnte von der Mauer klettern.

Und weil Phenja und auch Gwen gute und freundliche Kinder waren, vergewisserten sie sich, dass dem bösen Verwalter auch nichts Schlimmeres geschehen war.

Dann nahmen sie den Korb, den Gwen sich ja redlich verdient hatte, setzten dem ohnmächtigen Mann seine Brille wieder auf die Nase und verließen das Gut des kleinen, dicken Ritters lachend durch die Vordertür.

Dass auf der Straße bereits Hetzer wartete und fortan bei der kleinen Gwen bleiben wollte, ja, dafür konnten die Mädchen nun wirklich nichts, oder?

 



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