Das Schwarze Auge 5 — Rabenkrieg Kampagne: Ein Werkstattbericht

Das Schwarze Auge 5 — Rabenkrieg Kampagne: Ein Werkstattbericht von Armin Abele

Nun sind seit ein paar Monaten der letzte Text und die letzte Korrektur für den Abschlussband des „Rabenkriegs“ im Kasten und die Kampagane für die Autoren nach eineinhalb Jahren Schreibarbeit endlich abgeschlossen. Für Armin Abele (Autor) ein angemessener Zeitpunkt, um der interessierten Leserschaft einen kleinen Einblick in die Hintergründe der Kampagne zu geben. Hauptsächlich möchte er dabei an dieser Stelle auf das Kriegsgeschehen an sich eingehen, das letztendlich den maßgeblichen Hintergrund der Kampagne bildet.

 

 

 

Anfängliche Gedanken

Als wir nach einigen Wirrungen, personellen Umbesetzungen und anderen unverhofften Verzögerungen endlich ans Werk gehen konnten, um den al’anfanischen Vorstoß nach Kemi auszugestalten, war es von Anfang an klar, dass das Kriegsgeschehen möglichst realistisch dargestellt werden sollte. Das betraf nicht nur die handelnden, doch sehr unterschiedlichen NSC-Persönlichkeiten, die Taktik und die Strategie der militärischen Operationen, sondern – vor allem – die eigentliche Darstellung des Kriegsgeschehens an sich. Der Waffengang sollte mit all seinen negativen Auswüchsen und Facetten beschrieben werden und nicht der Mär des „anständigen und ehrenvollen“ Krieges das Wort reden.

Das führte natürlich zu der Herausforderung, die Kampagne nicht nur für moralisch fragwürdige Heldinnen und Helden spielbar zu machen, sondern auch für solche, die einen persönlichen Ehrenkodex haben. Gerade aber für solche SC eröffnet die Kampagne spannende Möglichkeiten für das Rollenspiel und die Charakterentwicklung, wenn nämlich die schmutzige Realität des Krieges mit den persönlichen Werten der handelnden Hauptpersonen kollidiert.  „Aufrechte“ Helden sollten möglichst alle notwendigen Freiheiten erhalten, um sich ihre Integrität zu wahren und maßgeblich dazu beizutragen, das Leid und das Elend, die ein solcher Waffengang immer mit sich bringen, zu lindern.

Diese Absicht bedingte natürlich auch zwangsläufig, dass die Kampagne nicht dem klischeehaften Schwarz/Weiß-Bild folgen durfte, das hier und da immer aufkommt, wenn es um den Konflikt zwischen Al’Anfa und dem Horasreich geht.

Um diese Prämisse sicherzustellen, legten wir viel Wert darauf, die Konfliktparteien und – teilweise – auch die individuell Handelnden möglichst vielschichtig zu präsentieren. Eine eindeutige Zuordnung von Gut und Böse der beiden Konfliktparteien (Horasreich und Al’Anfa) sollte nicht möglich sein; das Geschehen sollte auch ohne größere Veränderungen realistisch sein, wenn man in Gedanken die horasische und die al’anfanische Seite austauschen würde.

Das spiegelt sich nicht nur in den Gegensätzen der handelnden Figuren im Ganzen wider: So haben wir auf al’anfanischer Seite natürlich das Negativbeispiel der Generalin Marvana Zornbrecht, die in ihrer egoistischen und inkompetenten Art bedenkenlos ihre Truppen opfert, aber auch Oderin du Metuant, der trotz seiner abgebrühten und knallharten Art aber durchaus als positive Figur dargestellt wurde. Prinzessin Rhônda, deren ehrenhafte und milde Seite sich mit Rachsucht und Blutdurst im Widerstreit befindet, entspricht ebenfalls diesem Bild. Aber auch auf der Gegenseite – die bedingt durch den Fokus der Kampagne nicht so intensiv beleuchtet wird – haben wir nicht nur die „eindeutig Guten“; so ist beispielsweise der horasische Gesandte in Kemi eine Gestalt, die man vermutlich nur als horasischer Imperialist schätzen kann, und auch Chanya Al’Plâne, die bei aller Bodenständigkeit und Nahbarkeit zur Erreichung ihres Ziels, den Krieg zu gewinnen, kaum Mittel und Wege scheut, ist durchaus eine widersprüchliche Figur.

Auf der Ebene über den handelnden Personen bietet die Situation im Kemi-Reich selbst ebenfalls  ausreichend Anhaltspunkte, die das Bild vom heroischen Kleinstaat, der von der brutalen, übermächtigen Sklavenhaltermacht aus Al’Anfa versklavt wird, widerlegt. Auch Kemi selbst ist gespalten, das arrogante, ausbeuterische horasische Kolonialregime ist für viel Kemi tatsächlich weitaus schlimmer, als es die al’anfanische Hegemonie sein könnte. So können sich die Invasoren durchaus auf Sympathie und Unterstützung der Kemi selbst berufen, was nicht nur für viele mehr oder minder namhafte NSC, sondern vor allem auch für ehrenvolle Heldinnen und Helden das Gefühl erzeugt, hier tatsächlich an einem „Befreiungskrieg“ teilzunehmen.

 

 

Das Kriegsgeschehen

Das Kriegsgeschehen selbst sollte möglichst auf low fantasy beschränkt bleiben, was insbesondere den Einsatz von Magie angeht. Die Kampagne beinhaltet deshalb weder in Linie formierte Kampfmagier, die Salven von Feuerbällen auf die gegnerischen Reihen schleudern, noch Dharayim, die sich durch die gegnerische Front walzen (ganz abgesehen davon, dass kein göttergefälliges Heer überhaupt den Einsatz von dämonischer Macht erwägen würde). Solche Aufgebote hätten durch die gewaltigen und vielschichtigen Möglichkeiten aventurischer Magie die Beschreibung und Abwicklung der Schlachten erheblich erschwert und eine logische Auswertung derselben durch unzählige neue Optionen quasi unmöglich gemacht. Wir gehen deshalb davon aus, dass Zauberkundige in Aventurien eine eher seltene Spezies sind und zudem durch ihre langwierige und komplexe Ausbildung nur im Notfall zum gefährlichen Einsatz „an der Front“ kommen. Das hat zudem auch den gewünschten Effekt, dass SC-Zauberkundige eine besondere, herausstechende Stellung einnehmen und nicht in der Masse an Kampfmagiern untergehen, die ansonsten zwangsläufig Teil eines jeden Heeres sein würden.

Letztendlich gab es auch den strategischen Aspekt des Kriegsverlaufes zu berücksichtigen. Der geplante Waffengang musste Raum und Zeit für eine Kampagne bieten, die sich IT über Wochen hinzieht und nicht binnen Tagen abgeschlossen sein würde. Dabei half uns sehr das Geschehen des ersten Kemikrieges, in dem Tar Honak die prinzipiell logische Vorgehensweise der schlagartigen Besetzung der wichtigsten strategischen Orte und die Einsetzung eines Marionettenregenten gewählt hat, was aber aus Unkenntnis des Gegners und des Landes nur zu einem verlustreichen und vor allem teuren Guerillakrieg gegen eine renitente und schwer zu fassende Kemibevölkerung geführt hat.

Oderin war klüger und weitaus besser darüber im Bilde, wie die Kemi „ticken“. Und so musste er eben im Sinne einer friedlicheren und stabileren Nachkriegsordnung in den sauren Apfel beißen und seine Verbündete Rhônda dadurch auf den Thron bringen, dass er mit seinem Heer als „Boronszug“ durch die wilden Waldgebiete des Südens bis hin zum heiligsten Ort der Kemi, der Insel Laguana, zog. Dank der tiefen Neigung der Kemi zu Formalismus und Ritualen wäre durch diese Art des Götterurteils dann gesichert, dass die noch in ihrer Loyalität schwankenden Eliten des Landes Rhôndas Anspruch auf den Thron akzeptieren.

Das machte es uns dann möglich, den Feldzug, wie er dann auch in der Kampagne nachgezeichnet ist, im Detail auszugestalten, wobei die wenigen vorhandenen Wege und die Geographie Kemis die grundlegende Strategie der drei Stoßrichtungen bedingten.

Dabei war es uns wichtig, das Geschehen spannend und halbwegs offen zu gestalten und das Gefühl zu vermitteln, dass der Ausgang des Waffenganges nicht von vornherein feststeht. So gerät der Angriff der Invasoren durch die desaströsen Niederlagen für sie am Merit-Fluss und bei Trus in eine schwere Krise, die dann mit der Schlacht von Mehat, deren Ausgang ebenfalls auf der Kippe steht, zu einer Auflösung im Sinne Rhôndas und ihrer al’anfanischen Verbündeten kommt. Bei den Handlungen der beteiligten Kommandeurinnen und Kommandeure haben wir darauf geachtet, zweifelhafte Entscheidungen, menschliche Fehler und andere Unwägbarkeiten einzubauen, die auch in der Kampagne durchscheinen – ein  Beispiel ist der Streit zwischen Chanya und ihren Adjutantinnen vor Mehat, die vergeblich versuchen, ihre Generalin davon abzubringen, die Kriegsentscheidung in einem Frontalangriff auf den gut verteidigten Feind zu suchen. Aber wäre die Alternative eines Vorgehens gegen Yleha und eines Abschneidens der al’anfanischen Versorgungslinien so viel sinnvoller oder gar möglich gewesen?  War Oderin denn nicht auch auf so ein Vorgehen vorbereitet, indem er starke Einheiten im Rückraum zurückließ? Es bleibt Raum für Diskussionen …

Natürlich gibt es auch beim Kriegsgeschehen selbst Inspirationen durch irdische Vorbilder, sowohl bei den handelnden Personen als auch bei den Schlachten und dem Ablauf des Waffengangs, wobei das hier und da erwähnte Vietnam-Szenario weniger eine Rolle spielte, da dieser Konflikt mit Ausnahmen (z. B. Hue) vorwiegend ein Guerilla- und Terrorkrieg war und nicht, wie in der Kampagne, ein „klassischer“ Kriegszug mit manövrierenden Truppenkontingenten. So findet die Kampagne, auch bedingt durch unsere fachkundige und professionelle Beratung  auf dem Gebiet der Militärgeschichte (mein besonderer Dank gilt Perry und Miles O. Steven), hauptsächlich Anleihen aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg, wobei ich mich an dieser Stelle darauf beschränke, als Beispiel die Schlacht von Trus zu nennen, die vom Gemetzel von Fredricksburg inspiriert wurde.

 

 

Schlussendlich

Letztlich will ich noch kurz auf die leidige Diskussion des „Railroadings“ eingehen. Ja, es ist als SC nicht schön, wenn man keine hundertprozentige Freiheit genießt und sogar das Gefühl haben muss, dass der Ausgang eines Szenarios von vornherein feststeht. Es ist für Autoren, die maßgebliche Ereignisse im offiziellen Aventurien behandeln, immer ein Spannungsfeld zwischen offiziellen Vorgaben und den Freiheiten, die den Spielerinnen und Spielern gewährt werden. Auch beim „Rabenkrieg“ sind einige Dinge gesetzt – und müssen auch im Sinne der offiziellen aventurischen Geschichtsschreibung gesetzt sein. So steht der Ausgang des Krieges fest, ebenso jener der bedeutendsten Schlachten. Das ist nicht zu ändern, und uns Autoren bleibt in dieser Hinsicht nur, den Spielgruppen möglichst viel Freiheit bis an diese Grenzen zu gewähren. Im „Rabenkrieg“ haben die Heldinnen und Helden, egal auf welcher Seite sie letztendlich stehen, zahlreiche Möglichkeiten, den Verlauf, die Realität und die Folgen des Krieges so zu beeinflussen, dass es mehr als nur ein Trostpflaster ist, an einigen entscheidenden Stellen an ein vorher festgelegtes Ergebnis gebunden zu sein. Ob dies gelungen ist, mag von Spieler zu Spielerin unterschiedlich beurteilt werden, doch hoffe ich, dass wir hier einen guten Kompromiss gefunden haben.

Auf jeden Fall wünsche ich euch, auch im Namen der anderen Autoren, viel Spaß beim Spielen mit der Rabenkrieg-Kampagne.

Euer Armin Abele

 



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